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Von Kainbach nach Tokio

Kennt Ihr auch das Gefühl, dass man glaubt, es gäbe zu Hause oder in der näheren Umgebung nichts Interessantes zu fotografieren?  Auch kennt Ihr sicher das Gefühl, dass, wenn man zu Hause ist, immer etwas zu tun findet und sich deshalb gar keine Zeit zum Fotografieren nimmt? Und zu guter Letzt, die interessantesten Motive findet man immer, wenn man etwas Neues erkundet, neue Plätze, Orte aufsucht, beim Reisen, oder...?

Viele Künstler bewiesen diesbezüglich das Gegenteil und konzentrierten sich bei ihrem Schaffen auf Motive, die sie bei sich bzw. in ihrer Umgebung vorfanden. Ich denke da zum Beispiel an das Werk von Josef Sudek, der zu den größten Fotografen des 20. Jahrhunderts zählt. Sudek war menschenscheu und lebte zurückgezogen. Um großartige Bilder zu schaffen, brauchte er nicht viel.  In seinem Atelier in Prag entstanden eine Vielzahl von  Aufnahmen; er konnte aus einem Trinkglas, aus dem Blick aus seinem Fenster wunderbare Bilder machen.

 

Zu Hause verfügen wir - entsprechende Kreativität vorausgesetzt - über eine Vielzahl an Möglichkeiten für interessante Fotos. Oftmalig bieten sich unterschiedliche Lichtsituationen an, dass man bekannte Dinge in wahrlich neuem Licht zu sehen bekommt. Eine bewußte Konzentration auf Details lässt einem viel Neues entdecken, auf Spurensuche in Mustern bzw. Strukturen zu gehen, kann ebenfalls die fotografische Fantasie anregen oder auch die eigene bunte Welt einmal in Schwarz/Weiß zu tauchen, ergibt ein neues Spektrum an Eindrücken. 

 

Beim Spazierengehen in der näheren Umgebung nehme ich nicht immer die Kamera mit, weil ich denke, dass ich ohnehin schon alles kenne. Bei einem Ausflug an einem Wintermorgen hatte ich sie aber dabei und das war gut so. In der Nähe gibt es eine Baumreihe, die einem von der Straße aus gesehen nicht unbedingt als großartiges Motiv ins Auge springt, zumal auch eine Stromleitung das Gesamtbild nicht unbedingt zum Positiven beeinflusst.

Dieses Bild zeigt diese Reihe, wie man sie beim Vorbeigehen oder beim Vorbeifahren mit einem Fahrzeug wahrnimmt. An dem bestimmten Tag, an dem ich das Titelbild dieses Blogbeitrages aufnahm, fokussierte ich mich auf zwei dieser Bäume und stellte mich so hin, dass die Stromleitung nicht im Bild war. Dahinter versuchte die Sonne an diesem Wintermorgen durch den noch leicht vorhandenen Nebel durchzubrechen. Dieses Bild hat mir bei zwei Wettbewerben (Trierenberg Super Curcuit 2019) und nun bei den Tokyo Fotoawards 2020 Anerkennung in Form einer "honorable Mention" gebracht, über die ich mich sehr gefreut habe. 

Ein Buch, das ich mir vor vielen Jahren gekauft habe, hat den Titel “Vom Alltäglichen zum Besonderen”. Der Titel ist durch die derzeitige Pandemie wohl Programm für viele, die gerne fotografieren. Ich habe es schon länger nicht mehr durchgeblättert, weil mich die Bildbeispiele in diesem Buch nunmehr nicht mehr so faszinieren, wie sie es vielleicht einmal getan haben. Aber der Titel ist immer wieder in meinem Kopf und das "Besondere im Alltäglichen" zu suchen, ist oftmalig ein lohnenswertes Vorhaben für jemand der gerne fotografiert und aus welchen Gründen auch immer, nicht die Orte besuchen kann, die er gerne besuchen würde. 

 

Das Internet ist aktuell voll mit Ideen, wie man sich als begeisterter Fotograf auch zu Hause Inspiration für die Motivsuche holen kann. Sei es die Orange, die vielleicht gerade vor einem am Tisch liegt,  mit einem Licht- und Schattenspiel zu versehen, Stilleben zu kreieren, die Familie einmal ausgiebig zu porträtieren oder sich auch in der “Foodfotografie” zu versuchen. Für mich spielt sich Fotografie zumeist “draußen” ab, wohl auch dadurch bedingt, weil mein Job “drinnen” stattfindet und ich froh bin, dann einmal hinaus zu kommen.

“Leidenschaft ist wichtig. Sie gibt unseren Werken Ehrlichkeit, Richtung und Stimmung”, schreibt David duChemin in seinem wunderbaren Buch “Die Seele der Kamera”. Ein Buch, das schon oft zitiert und mittlerweile rezensiert worden ist (eine stammt übrigens auch von mir und wurde von Kwerfeldein veröffentlicht). Leidenschaft erleben, spüren, heißt, dass man für etwas "brennt". Die Fotografie hat für mich in den letzten Jahren einen hohen Stellenwert bekommen, auch wenn ich sie “nur” als Amateur betreibe. Hier passt sehr gut, was der von mir sehr geschätzte Werner Pechmann "über sich" auf seinem Blog "Alle Augenblicke" schreibt. Er verwendet das Zitat von Andreas Feininger: "Ein Amateur ist jemand, der etwas aus Liebe zur Sache tut" So sehe ich mich auch. 

 

Ich merke, wenn ich einmal zwei bis drei Wochen die Kamera nicht in den Händen gehabt habe, nicht ein wenig Zeit für das Fotografieren hatte, dass mir etwas fehlt. An einem dieser Tage, es war im zeitigen Frühjahr ist das obere Bild entstanden. Der Winter war lang, das Wetter bot längere Zeit für mich keinen Anreiz mit der Kamera unterwegs zu sein, die Vegetation übte sich noch in Zurückhaltung. Diese Aufnahme hat mir als zweites Bild bei den Juroren der Tokyo Foto Awards 2020 eine “honorable mention” gebracht. Leider habe ich hier kein Umgebungsbild, das ich zeigen kann. Ich weiß aber noch, dass die Umgebung mehr als unscheinbar war, mir nur der Baum, der Blüten angesetzt hat, aufgefallen war. Ich fand keine brauchbare Perspektive, den Baum gebührend abzulichten und fuhr dann eher frustriert davon. Ein wenig weiter weg, sah ich den Baum nochmals  im Rückspiegel und sah ihn so, wie ich es mir vorstellen könnte, ihn aufzunehmen. Also nochmals stehengeblieben, ein paar Schritte durch eine Wiese nahe dem Acker gelaufen und ich fand mein Motiv für eine minimalistische Landschaftsaufnahme vor, wie ich es mir nicht vorgestellt hatte, es zu finden. Meine Zufriedenheit war dann natürlich sehr groß, weil ich mir nicht mehr erwartet habe, hier noch ein interessantes Foto machen zu können. 

 

Mit diesem Bild habe ich bis heute noch sehr viel Freude und es ist deshalb nicht umsonst mein Titelbild für meine Homepage. Es repräsentiert für mich “minimal scenery”, mein fotografisches Projekt, mit dem ich meinen minimalistischen Landschaftsaufnahmen Raum gebe. Auch für dieses Bild musste ich nicht weit fahren, ich habe es an der Grenze von Graz-Umgebung zur östlichen Steiermark hin aufgenommen. Dieser Teil der Steiermark ist eine Gegend, die ich immer wieder gerne mit der Kamera besuche und zahlreiche Bilder aus dieser Serie stammen aus dieser Region.  

 

Beide "prämierten" Fotos wären nicht entstanden, wenn ich nicht  diese Leidenschaft beim Fotografieren spüren würde, von der David duChemin gesprochen hat. Das gute Motiv - natürlich rein subjektiv empfunden - liegt oft gar nicht weit weg. Chancen es zu finden, liegen manchmal unmittelbar neben der Haustüre. Ich wünsche Euch auch ganz viele dieser Möglichkeiten, um für Euch  interessante Motive zu finden, je nachdem, in welchem fotografischen Genre Ihr Euren Schwerpunkt habt und dann auch ganz viel Freude mit Euren Ergebnissen. 

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