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Sound of Silence III (Venedig)

Mein Fotoprojekt „Sound of Silence“ ist vor ca. 3 Jahren entstanden. Wie ich in meinen Blogbeiträgen Sound of Silence I und Sound of Silence II geschrieben habe, ist es durch das gleichnamige Lied von Simon and Garfunkel inspiriert. Auch viele Bilder im Werk von Edward Hopper geben mir immer wieder Anstöße für meine Suche nach diesbezüglichen Motiven auf der Straße. In diesem Jahr hat sich der roter Faden dieses Fotoprojektes  weiterentwickelt und wird auch sicher noch weitergesponnen werden. Jetzt ist für mich wieder ein Zeitpunkt gekommen, dass ich aktuelle Bilder daraus zeigen möchte und anbei nun auch ein Versuch einer Beschreibung, wie sie auf die meisten Bilder von „Sound of Silence“ zutrifft: 

Im Mittelpunkt stehen Menschen, die mir ins Auge fallen, wenn ich mit meiner Kamera unterwegs bin, weil sie entweder bewußt alleine oder vielleicht einsam (das lässt sich als Außenstehender nicht erkennen) aus ihrem Umfeld herausstechen. Es findet keine Interaktion der abgebildeten Personen mit anderen statt, der Blick geht entweder ins Leere oder in die Weite. Als Betrachter der Bilder steht man in Distanz zu den Protagonisten der jeweiligen Szenerie. Die Bilder strahlen eine ruhige Stimmung aus und es darf sich ruhig eine leichte Melancholie darüber legen. Unterstrichen wird das in manchen Bildern durch das Verhältnis der Größe des abgebildeten Menschen zu seiner Umgebung, die manchmal überdimensional wirkt. Die Bildkomposition ist meist einfach, manchmal minimalistisch gewählt. Die Einsamkeit der dargestellten Personen soll für den Betrachter spürbar werden, aber immer mit dem Zusatz, dass der Fotograf beim Auslösen nicht wissen konnte, ob sie als Zustand eines Alleineseins bewußt gewählt oder ob Einsamkeit als Gefühl in diesem Moment traurige Realität geworden ist.

 

Im Rahmen meines letzten Urlaubes mit meiner Familie in Venedig fielen mir immer mehr Motive auf, die zu meinem Projekt "Sound of Silence" passen. Eigentlich ein Paradoxon für eine Stadt wie Venedig, in der es von Menschen in der Regel nur so tummelt. Wenig bevölkerte Plätze oder Gassen sind dort ja meist rar gesät und Menschen, die sich vielleicht in der Öffentlichkeit einmal irgendwohin zurückziehen wollen, finden dafür in der Regel kaum Platz. 

 

“Sound of Silence” hat mich als Fotoprojekt im Rahmen meiner Streetphotographie gelehrt, dass es Sinn macht mit einem Ziel durch die Straßen zu ziehen. Zunächst war ich überwiegend auf Motive, wo z.B. „Licht und Schatten“ im Vordergrund stehen, fixiert oder generell abwartend, was sich so bei meinen Streifzügen mit meiner Kamera durch den urbanen Raum ergibt. In einem Interview erklärte Ralph Gibson, der übrigens vor kurzem von der Leica Camera AG mit dem "Leica Hall of Fame Award" für sein Lebenswerk ausgezeichnet  worden ist, einmal sinngemäß: “Wenn man nur so durch die Straßen spaziert, um nach etwas Ausschau zu halten, was man fotografieren kann, wird man nicht viel erreichen." Er hat dann begonnen, immer an einem Fotoprojekt zu arbeiten, mit einem speziellen “point of departure”.  "Einen Ausgangspunkt zu haben, bedeutet nicht, loszugehen und zu fotografieren. Es geht darum, ein Projekt im Kopf zu haben und nach einer Aufnahme zu suchen, die diese Emotion oder dieses Konzept, um das es im Projekt geht, widerspiegelt”. Im Rahmen meiner Streetphotographie hat mir dieser Zugang subjektiv geholfen, die Qualität meiner Bilder zu steigern. 

 

Neben einem gewissen Fokus auf bestimmte Motive gibt es nun diesen für mich wichtigen Aspekt in meiner fotografischen Arbeit: Die Gestaltung einer fotografischen Serie bzw. das bewußte Fotografieren für Fotoprojekte. In einem (aus meiner Sicht) “Standardwerk” für ambitionierte Fotografen “Das Foto” (ich habe die Ausgabe aus dem Jahre 2008 aus dem "Verlag Photographie") schreibt der Autor Harald Mante: “Sobald ein besonderes Interesse an einzelnen Motivbereichen besteht und dazu fotografiert wird, ist der Grundstein für eine fotografische Serie gelegt. Die Qualität einer Serie ist auch von der Bildmenge abhängig und daher meist auch ein Langzeitprozess”. Ich übertrage diese Aussage gerne auf meine Fotoprojekte, auch wenn bei mir keine einzelnen Motivbereiche, wie z.B.: Linien, Strukturen etc... im Vordergrund stehen, wie sie oft für Bildserien verwendet werden. Als einen Vorteil in Serien oder Projekten zu arbeiten, sehe ich, dass man in der Regel immer mit dem einen oder anderen Bild nach Hause kommt, das gut in eines der Projekte passt. Im Gegenzug dazu ist die Suche nach dem “besonderen Bild” oft mühsam, von vielen Faktoren abhängig, die nicht immer erfüllt werden können und daher nicht immer von Erfolg gekrönt. 

 

Einer der bekanntesten Streetphotographen in Deutschland, Siegfried Hansen arbeitet mit sog. “Triggern”, die sich nach einiger Zeit im Gedächtnis verankern und das fotografische Auge konditioniert sich sukzessive darauf. Zu den "Triggern" von Siegfried Hansen zählen, was ich einmal von bzw. über ihn gelesen habe, unter anderem: Eistüten, Postpakete, Handschuhe oder kaputte Regenschirme, aber natürlich auch bestimmte grafische Strukturen, die er fotografisch erst einmal sammelt, ohne ein bestimmtes Bild vor Augen zu haben. Meist ist dann zusätzlich ein Mensch in seinen Bildern sehen, der das Foto dann perfekt komplettiert. Durch diese Technik entdeckt man Motive, Situationen an denen man früher vielleicht achtlos vorbeigegangen wäre. Bei der Motivsuche nach “Sound of Silence” ergeht es mir ähnlich. Am Anfang sah ich kaum Motive, die für dieses Projekt in Frage kamen. Heute merke ich, dass sie mir scheinbar unbewußt auffallen. Diese Begegnungen, mit Motiven für meine unterschiedlichen Projekte, erlebe ich immer wieder und komme so zu Fotos, die gut zum einen oder anderen Fotoprojekt, das ich aktuell verfolge, passen. 

 

Bei Fotoprojekten unterscheide ich grundsätzlich zwischen "Kurzzeitprojekten" und Projekten, wie "Sound of Silence", die langfristig ausgelegt sind. Ein Kurzzeitprojekt ist für mich ein Wochenendprojekt, z.B. die Geburtstagsfeier eines Freundes fotografisch festzuhalten. Dazu gehört für mich aber auch Bilder von der Vorbereitung und ggfs. auch Fotos von der "Nachbereitung" zu machen, dass die Feier als Ganzes in Erinnerung bleibt und so eine "runde Sache" wird.  Meine Fotoprojekte, die ich auf meiner Portfolioseite aufgelistet habe, sind grundsätzlich Langzeitprojekte und haben aktuell kein Ablaufdatum. 

 

"Sound of Silence"  geht nunmehr in das dritte Jahr und die Bildersammlung erweitert sich sukzessive. Ich überlasse jetzt Euch die Interpretation, ob die abgebildeten Menschen alleine oder einsam sind. Ich hoffe, dass viele, die ich hier fotografiert habe „ Alleinsein“  als Zustand in vielen Fällen bewußt gewählt haben, wie auch ich es immer wieder tue und vertraue darauf, dass diese Personen nicht in einem negativen Gefühl der Einsamkeit gefangen sind. Der Zustand des Alleineseins ist für mich immer wieder ganz wichtig, um innere Ruhe zu finden, Gedanken zu fassen, neuen Ideen Raum zu geben und auch die Kreativität anzukurbeln. Wenn ich diese Stunden nicht hätte, würde es den Blog und viele Fotos wahrscheinlich nicht geben… . 

Aufgenommen wurden die Bilder in Venedig alle mit einer Leica M10 und einem Voigtländer 50mm/f1.5. Diese fixe Kombination nimmt zwar augenscheinlich die Flexibilität, die ein Zoom und eine Autofokuskamera einer Meßucherkamera mit der fixen Brennweite voraus hat.  In der Praxis zeigt sich mir jedoch, dass mit nunmehr immer mehr Übung der Schärfepunkt in der Regel schnell zu finden ist und der Bildausschnitt ebenso rasch festgelegt werden kann. Ich nutze meist nur ein bis zwei Brennweiten an einem Tag, so kann ich durch die längere Anwendung den Bildausschnitt bereits schon sehr gut im Vorfeld einschätzen. Das bringt mir neben der Unauffälligkeit, die eine Meßsucherkamera aufgrund ihrer kompakten Größe mit sich bringt, mittlerweile sogar mehr Flexibilität für meine Art der „Streetphotographie“, zu der auch das Fotoprojekt  „Sound of Silence“ zählt. 

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