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Sound of Silence II

Vor einem Jahr schrieb ich eine kleine Geschichte, zu der mich das Lied von Simon and Garfunkel “Sound of Silence” inspiriert hat. Es war eine Geschichte, die vielleicht zur Weihnachtszeit passt, in der es um das “Alleinesein” bzw. “Einsamkeit” ging. “Bei der Betrachtung von Portfolios von Streetfotografen entdecke ich oft Bilder, die eine einzelne Person im Kontext zu seiner Umgebung zeigen und der Mensch somit als alleinstehende Person heraussticht. Und ich stelle mir manchmal die Frage, sind diese Menschen, in dem Moment, wo der Fotograf sein Bild gemacht hat, einsam oder nur alleine?” schrieb ich im damaligen Blogbeitrag im Zwischentext. Vielleicht warten die Personen auch nur auf jemand, sind vielleicht geschäftlich unterwegs oder auf dem Weg zu einem privaten Treffen? Der Fotograf als stiller Beobachter weiß es nicht. Jedenfalls ist zu diesem Thema ein Fotoprojekt geworden und ich sammle, wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, immer bewußter Aufnahmen, die zu diesem Thema passen.

 

“Die Sache mit der Einsamkeit ist überstrapaziert.” Dieses Zitat stammt vom Maler Edward Hopper. Gerade er hat eine Reihe von Bildern gemalt, wo man als Betrachter*in augenscheinlich eine Einsamkeit der Personen spürt, wenn man  die Werke dieses Künstlers ansieht. In manchen dieser Bilder gibt es keine Handlung, es sind Momentaufnahmen, wo eine Isolation der Personen zu ihrer Umgebung, oder zu anderen auf dem Bild befindlichen Menschen sichtbar wird. Es gibt keine Kommunikation, die Personen sind zwar unter sich, aber augenscheinlich sehr alleine. Bezugnehmend auf eines seiner berühmtesten Bilder "Nighthawks" betonte Edward Hopper, dass er keine Symbole der Isolation oder Einsamkeit einer Großstadt verarbeitet hätte und doch finden sich  in diesem, wie in vielen anderen seiner Werke eingebettete Szenen der Vereinsamung und Leere in einem urbanen Kontext wieder. Ein Thema, das sich als fotografisches Projekt für mich langsam entwickelt hat und nun unter dem Titel "Sound of Silence" Platz findet. 

 

Ich möchte den Bogen noch einmal zum Lied “Sound of Silence” spannen, wo bereits vor rd. 50 Jahren die “Vereinsamung der Menschen in unserer oberflächlichen Gesellschaft” als Thema für den  Liedtext herangezogen worden ist. Menschen können viel miteinander reden, manchmal ist das “Reden” aber nur eine Einbahnstraße,  weil zum “Reden” gehört auch das “Zuhören”. Unsere “Aufmerksamkeitsgesellschaft” fordert pausenlos ihren Tribut, das Oberflächliche lässt oft  wenig Raum für etwas tiefer Gehendes. 

 

Man braucht manchmal nur beobachten, wenn einander zwei Menschen treffen und einer interessenslos die Frage stellt: “Wie geht es Dir?” Bevor noch die Antwort des Gegenübers zu Ende ist, ist das Gespräch manchmal schon beendet… . 

 

“Leute, die reden ohne zu sprechen

Leute, die hören ohne zuzuhören” 

 

sind zwei dazu passende Textzeilen aus dem Lied “Sound of Silence”, dem “Klang der Stille”. Das Lied ist aus einer “Ich-Perspektive” geschrieben, der Erzähler bzw. der Sänger  sieht zehntausende Menschen, die inhaltsleer reden. Er warnt sie als Prophet vor den negativen Auswirkungen ihres Tuns, aber es gelingt ihm nicht sie zu erreichen. Er versucht  die Menschen auf diese Leere, die sie mit ihrem Reden produzieren, aufmerksam zu machen, aber wie allen anderen,  hören sie auch ihm nicht zu. 

 

“Aber meine Worte fielen wie stille Regentropfen

und hallten in den Quellbecken der Stille” 

 

Link zu den zitierten Zeilen des Liedtextes aus der deutschen Übersetzung von "Sound of Silence"

“Ich habe Angst vor Nähe, aber noch mehr Angst vor keiner. Ich bin gerne allein, aber ungern einsam”, schrieb die deutsche “Poetry-Slammerin”, Dichterin, Sängerin und Schauspielerin Julia Engelmann in einem Instagram-Post vor kurzem. Damit sprach sie etwas aus, was sicher viele in diesen Tagen empfinden. 

 

Die kommenden Weihnachtsfeiertage sind nun wieder eine Zeit, die wir  der Covid-19-Krise geschuldet und den daraus getroffenen Maßnahmen zahlreicher Regierungen heuer überwiegend in kleinerem Kreise feiern werden. Viel Zeit, viele Möglichkeiten intensiver miteinander zu reden.

 

Ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich fürs “Zuhören” in Form des Lesens meines kleines Blogs in diesem Jahr und für das Interesse an meinen fotografischen Aktivitäten. Ich wünsche Euch allen, dass dieses einmalige, herausfordernde Jahr für Euch im Kreise Eurer Lieben gut und gesund zu Ende gehen möge. 

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Kommentare: 4
  • #1

    Werner (Montag, 21 Dezember 2020 08:42)

    Ein sehr schöner Beitrag. Er passt zur Zeit.
    Liebe Grüße und eine besinnliche Weihnachtszeit,
    Werner

  • #2

    Bernd (Montag, 21 Dezember 2020 19:29)

    Herzlichen Dank Werner! Dir auch ein schönes Weihnachtsfest und vor allem eine gesunde, gute Zeit!

  • #3

    kurt (Dienstag, 22 Dezember 2020 08:46)

    Das sind wieder Bilder, die begeistern.
    .....wünsche dir ein besinnliches Weihnachtsfest
    liebe Grüße Kurt

  • #4

    Bernd (Dienstag, 22 Dezember 2020 10:04)

    Lieber Kurt, das freut mich sehr, dass Dir die Bilder gefallen. "Besinnliche" Weihnachten trifft heuer den Nagel auf den Kopf und trotz aller Widrigkeiten mit denen wir im heurigen Jahr zu kämpfen haben, bieten uns diese vielleicht gerade die Möglichkeit vielerorts Weihnachten überwiegend in besinnlicher Form zu feiern. Alles Gute!