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Change Management mit der Leica M10

Ich betreibe meine Fotografie unter dem Motto "Slow Photography", wie einige von Euch, die meinen Blog schon länger verfolgen, sicher wissen. Über eine Ausrüstung zu verfügen, die mit dem technologischen Fortschritt, den moderne Kameras beherrschen, mithält, war mir über viele Jahre sehr wichtig. Für meine  Art der Fotografie und für meine Form des "Bildermachens" hat das aber immer mehr abgenommen. Vor rd. 16 Monaten gab es dennoch eine Veränderung in meinem Equipment über die ich im heutigen Beitrag erzählen möchte, weil sie  meinen fotografischen Prozess in wesentlichen Punkten verändert hat.  

Im September 2020 erfüllte ich mir einen langgehegten Herzenswunsch, dem viele Überlegungen und Recherchen voraus gegangen sind.  Jede Menge an Videos habe ich mir im Vorfeld über die Kamera angesehen, die ich mir kaufen wollte, zahlreiche Blogbeiträge über das System gelesen, viel gegrübelt, ob das wirklich das Richtige  für mich sein wird, wäre doch damit auch ein deutlicher Schritt aus der Komfortzone „Autofokus gepaart mit Zoombequemlichkeit“ verbunden. 

 

Bei meinem Fotohändler meines Vertrauens erwarb ich eine gebrauchte Leica M10 mit wenigen Auslösungen. Auf meine Frage, warum der Vorbesitzer diese schöne Kamera verkauft hat, antwortete mir mein Händler, dass dieses System ihn doch nicht so überzeugt hätte, er entschied sich wieder für ein System mit Autofokus... . Da waren sie gleich wieder da, meine Sorgen, ob ich mich wirklich richtig entschieden habe…, aber ich erstand dadurch eine M10 mit wenigen Auslösungen in einem sehr guten Zustand zu einem fairen Preis. 

 

Am Beginn meiner neuer Kamerabeziehung erlebte ich abwechselnd „Fluch oder Segen“. Da gab es schon manche Auseinandersetzungen mit der Kamera und es bewahrheitete sich, was ich über das M-System gehört oder gelesen habe. Der Fotograf macht das Bild und niemand anderer. Ist ein Bild nichts geworden, die Kamera konnte nichts dafür, die Schuldfrage musste ich ganz alleine bei mir suchen. So brauchte das Scharfstellen im Meßsucher anfangs einfach seine Zeit. Die jahrelange Gewohnheit bzw. Bequemlichkeit, das Bild, das entstehen soll, in der Regel im Sucher schon so zu sehen, wie es auch nach dem Auslösen aussehen wird, musste ich ablegen. Aller Anfang ist schwer, auch das hat sich bewahrheitet und es brauchte eine Einarbeitung, bis das Bild, so wie ich es im Kopf und im Sucher gesehen habe, auf der Speicherkarte auch so ankam. Aber mit etwas Übung  wurde ich immer besser im Umgang mit der M10. 

 

Ein großer deutscher Automobilhersteller hat vor einigen Jahren den Werbespruch „Freude am Fahren“ kreiert. Mit der Leica M10 hatte ich vom ersten Tag an „Freude am Auslösen“. Ich mag das Auslösegeräusch der M10, das wertige und nicht gerade leichte Gehäuse in der Hand zu halten, durch den großen und hellen Sucher zu schauen und die Kamera in hohem Umfang manuell zu bedienen.  

 

Der Messsucher zur Entfernungsmessung ist ein hochpräzises optisches Instrument, das auf einer ebenso präzisen Mechanik basiert. Schon bald habe ich mich damit angefreundet und bei statischen Motiven gelingt mir das Einstellen der Schärfe schon manchmal schneller als mit dem Joystick bei meiner DSLM. Das Spiel mit der Schärfe machte auf einmal wieder mehr Spaß. Die ersten beiden Objektive, mit denen ich mit der M10 fotografierte, waren das lichtstarke Voigtländer Nokton 35mm/F1.2 und das Leica Summicron 90mm/f2.5. Das Voigtländer verwendete ich schon öfters mit einem Adapter an meiner Sony. Insbesondere bei wenig Licht setzte ich es an der Sony sehr gerne ein und ich mag die Bildqualität, die mit dem Voigtländer erzeugt wird. An der Sony nutze ich die Suchervergrößerung zum Scharfstellen, selten das Focus-Peaking, weil mich die farblichen Punkte bei der Bildgestaltung meist stören.

 

Das Leica Summicron 90mm/f2.5 erwarb ich gebraucht mit der M10 mit. Bald danach kam dann noch ein Voigtländer Nokton 50mm/f1.5 dazu, das mittlerweile mein Standardobjektiv geworden ist, weil es so schön kompakt ist, damit nicht in den Meßsucher hineinragt und mich die Qualität der Bilder, welche die Kombi Leica M10 mit diesem Voigtländer Objektiv zusammenbringt, in hohem Maße zufriedenstellt. 

 

Oft habe ich mich in den letzten 2-3 Jahren gefragt, in denen der Wunsch nach einer Leica M10 immer stärker wurde, ob der Hype über das M-System gerechtfertigt ist und ob man damit wirklich bessere Bilder macht. Viel habe ich zum Thema, ob es einen „Leicalook“ gibt,  gelesen oder mir angesehen. Die Meinungen dazu divergieren ja sehr stark und ich werde mich als Amateur hüten diese Frage zu beantworten;  diese Beurteilung überlasse ich den Profis. Die M10 hat aber bei mir etwas ganz Wesentliches erreicht: Sie hat meine Art zu fotografieren verändert. 

 

Mit “Change Management“ habe ich in meinem Job seit vielen Jahren zu tun und auch die Leica forderte von mir Veränderung beim Fotografieren und ich modifizierte in wesentlichen Teilen meinen fotografischen Prozess.  Die Leica M brachte einen Fotografen wie mich, der es gewohnt war, sich überwiegend auf die Automatik einer Kamera zu verlassen, dazu, seine Verhaltensweise beim Fotografieren zu verändern. Sie „erzieht“ einen, das Bild wird wieder mit ganz wenigen Einstellungen gemacht. Seit ich mit der Leica fotografiere, frage ich mich öfters, warum bei anderen Kameras die Menüs zahlreiche Unterseiten haben und auch was oft an winzigen Knöpfen am Kameragehäuse untergebracht werden kann. Meine Sony ist da keine Ausnahme. Braucht man das wirklich alles? Ich war jedenfalls immer sehr froh, wenn ich mehrere frei konfigurierbare Tasten zur Verfügung habe, belegte diese mit Funktionen, die mir wichtig sind. Zusätzlich bietet das Kameramenü  zahlreiche weitere Einstellungsmöglichkeiten, die man alle ja einmal brauchen könnte. 

 

Bei der M10 ist es für mich jedenfalls ganz anders. Das Menü ist nicht so umfangreich und vieles nutze ich kaum bis gar nicht. Alles was man zum Fotografieren braucht, lässt sich an der Kamera einstellen. ISO, Verschlußzeit, Blende und Belichtungskorrektur. Ich gebe zu, dass ich in der Regel mit der Zeitautomatik arbeite und der ISO-Wert bei 50%  meiner Aufnahmen auf Automatik eingestellt ist. Als höchsten Wert gebe ich ISO 3200 vor. Ich konzentriere mich motivabhängig auf die für mich richtige Blendenvorwahl und ggfs. mache ich noch eine Belichtungskorrektur. Ich fühle mich manchmal in die Zeit zurückversetzt, als ich im Alter von 14 Jahren mit meiner ersten Spiegelreflexkamera, einer Fujica AX1 angefangen habe zu fotografieren, die auch nur eine Zeitautomatik hatte und sonst nichts. Auch den Drahtauslöser, den ich mir irgendwann vor Jahrzehnten gekauft habe, habe ich wieder „ausgegraben“ und damit Ende Oktober bei einem abendlichen Spaziergang in Venedig Aufnahmen gemacht. 

 

Die Fototasche hat sich nochmals deutlich reduziert, in der Regel habe ich ein seit kurzem dazugekommenes gebrauchtes Leica Elmarit 28mm/f2.8 , das Voigtländer 50mm/F1.2  und das Summicron 90mm/F2.5  mit.  80-90% der Aufnahmen mache ich mit dem 50mm. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich ohne ein Zoom auskomme und auch der Autofokus fehlt mir bei meiner Art der Fotografie nicht wirklich. Über jedes gelungene Foto freue ich mich wieder mehr, weil das Bild habe ich gemacht und nicht die Kameraautomatik. Das Scharfstellen mit dem Meßsucher bereitet mir in der Regel keine Probleme mehr, wobei ich zugebe, dass ich keine Action- oder Sportfotografie mit der Kamera mache, sondern überwiegend statische Motive. Allerdings mache ich  “meine Streetphotographie“ mittlerweile ausschließlich mit der Leica M10. Beispielhaft stehen hiefür die Aufnahmen, die ich für mein Fotoprojekt "Sound of Silence" in Venedig gemacht habe. Hier kann ich nur bestätigen, was ich oft gelesen und gehört habe: Man fotografiert mit der M10 unauffälliger und der Meßsucher bietet die großartige Möglichkeit im Sucherfeld auch das zu sehen (ausgenommen beim 28mm Objektiv), was über die verwendete Brennweite hinausgeht. Gerade zu sehen, was sich links und rechts vom geplanten Motiv abspielt, ist für die Wahl des richtigen Auslösezeitpunktes oft entscheidend. Neu ist für mich auch die Anwendung des „Zonenfokus“ … nie hätte ich mir gedacht, dass ich mit dieser Methode arbeiten werde; warum sich das fotografische Leben unnötig schwer machen? In der Praxis verwende ich ihn nun doch manchmal, insbesondere im Rahmen der Streetphotographie, wo ich die durchschnittliche Entfernung zu den Motiven, die ich abbilden möchte, schon recht gut abschätzen kann und je nach Lichtsituation passe ich nur mehr die Blende an. Einer der großen Vorteile am M-System ist für mich, dass ich auf die Kamera schaue und ich weiß, woran ich bin. Die Einstellungen für ISO, Zeit, Blendenring sind in Sekundenbruchteilen überprüft und ggfs. angepasst. 

 

"Wenn man mit der M fotografiert, durchläuft man drei Phasen. Die erste Phase ist die komplette Ablehnung, die zweite die Gewöhnung und die dritte die Sucht." Diese Aussage stammt vom bekannten deutschen Natur- und Landschaftsfotografen Norbert Rosing, die er in einem Interview für den Leica Enthusiast Podcast (in der Folge vom 10.11.2021) gegeben hat. Für alle die Interesse an Leica und ihren Fotograf*innen haben, möchte ich diesen Podcast von Michel Birnbacher erwähnen, der sich ausschließlich mit Leica beschäftigt, der immer interessanten Gästen die Möglichkeit gibt über ihren fotografischen Weg bzw. über  ihre Arbeit zu sprechen und dabei vielfältige Themen behandelt. Ich genieße immer wieder die Interviews mit Fotografen zu hören, die aus unterschiedlichen Genres kommen und die doch gar nicht so wenige Gemeinsamkeiten untereinander haben und das nicht nur, weil sie der gleichen Kameramarke vertrauen. Ich schmunzle öfters wie viele Parallelen es unter den Leica Enthusiasten gibt und manche Dingen spiegeln auch wider, was auch ich in meiner noch recht kurzen Zeit mit einer Leica erleben durfte. 

 

Die oben angeführten Phasen habe ich auch alle in gewisser Weise erleben dürfen. Subjektiv befinde ich mich im Augenblick am Ende der Phase zwei und merke, dass ich schön langsam den Boden der Phase drei betrete. Mein Summary zum Erwerb der M10 ist nun also eindeutig positiv.  Ich freue mich immer wieder, wenn ich diese Kamera in die Hand nehmen kann. Das Fotografieren macht mir damit unheimlich Spaß.

 

Für alle, die ähnliche Überlegungen haben, der Weg zu einer Leica ist ja meist kein direkter und in seltenen Fällen erfüllt man sich diesen gleich, gebe ich die Empfehlung ab: Beschäftigt Euch mit dem System, macht Euch damit vertraut! Es ist ein Paradigmenwechsel und man muss sich schon bei Umstieg von einer DSLR oder einer DSLM mit dem M-System auseinandersetzen und herausfinden, ob es für einen wirklich das Richtige ist.

 

"Ich erfuhr Tag um Tag, dass ich die sündigen Gedanken nicht lassen konnte. Dann wollte ich auch die sündige Tat."  So ähnlich fühlte ich vor dem Kauf der M10... .  Schlink schreibt in seinem Roman: "Der Vorleser" über  die Vergänglichkeit der Liebe und die Unvergänglichkeit der Schuld.   Ob die Gedanken aufgrund der Ausgaben, die eine Leica mit sich bringen, auch sündig sind, zumal man sich dann in Folge ja auch das eine oder andere der erstklassigen Objektive, die es für das M-System gibt, gönnen wird, wage ich nicht zu beurteilen. Manche Sünden machen aber auch viel Freude... . 

 

Der guten Ordnung halber halte ich fest, dass ich hier ausschließlich meine persönliche Meinung niedergeschrieben und ich meine Ausrüstung (wie immer…) zur Gänze selbst bezahlt habe, also in keinster Weise oder in irgendeiner Form “gesponsert” worden bin (Schade eigentlich...). 

 

P.S.: Das Titelfoto ist Ende Oktober 2021 mit der Leica M10, dem Voigtländer 50mm bei Blende 1.5 od. 2 (die EXIF Daten werden bei Fremdobjektiven nicht übertragen) auf Torcello, einer Insel, die nach Burano liegt und mit dem Vaporetto von Venedig erreicht werden kann, entstanden. 

 

P.P.S.: Aviso: Über meinen Besuch auf Burano und Torcello plane ich zwei Blogbeiträge, die noch im Jänner veröffentlicht werden. Burano bersuchte ich z.B.: nur mit der M10 und dem Elmarit 28mm/f 2.8 und kein anderes Objektiv ging mir wirklich ab... . 

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