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Streets of silence

Eine fast gespenstische Stille herrscht in den Fußgängerzonen in der Innenstadt. Keine Menschen, die durch die Straßen drängen, sich miteinander unterhalten oder lautstark und hektisch telefonieren. Kein Kind, das lacht, das weint. Sogar Vögel, die singen, sind auf einmal, auch wenn es nur ganz leise ist, an manchen Stellen zwischen den Häuserschluchten zu hören. Nur die Straßenbahn, die durch das Zentrum fährt, durchbricht die Ruhe und lässt einen sogar erschrecken, weil man mit diesem, so unmittelbaren, Lärm gar nicht rechnet.

Geschlossene Geschäfte reihen sich aneinander, die Auslagen so, wie sie vor wenigen Wochen gestaltet worden sind. Regulär nicht verkaufte Frühjahrsmode wird wohl bald das “SalesMascherl” umgehängt bekommen, ohne, dass sie die Chance bekommen hat, in diesen Wochen getragen zu werden, wofür sie grundsätzlich bestimmt war. Spürbare Leere, die sich breit gemacht hat, auch vielleicht als stummes Mahnmal für viele Schicksale in wirtschaftlicher Hinsicht, die das Virus neben dem Angriff auf die Gesundheit von uns und unseren Lieben verursacht hat und noch verursachen wird. 

 

Wenige Fußgänger streifen in der Regel alleine und nur ein paar schlendern als Paar durch die engen Gassen der Grazer Altstadt. Warme Tagen sind das derzeit und würden nur so verlocken sich in einen der zahlreichen Gastgärten zu setzen, die in den letzten Jahren immer mehr geworden sind und beinahe schon jahreszeitenunabhängig geöffnet haben, pardon, hatten.

Als ich in diesen Tagen mit meiner Kamera zum Spaziergang aufbrach, um für mein aktuelles Fotoprojekt über Graz ein paar Bilder zu machen, hatte ich ein großes Maß an Vorfreude mit im Gepäck: Die Stadt fast ganz alleine für mich!  Nach einigen Minuten meines Spazierganges wurde die Freude aber immer weniger und ein eigenartiges Gefühl - basierend auf der eingangs beschriebenen gespenstischen Stille in dieser sonst so lebendigen Innenstadt- überkam mich. Da ich in der Innenstadt arbeite, bin ich täglich unter der Woche mit der Lebendigkeit, die das Grazer Zentrum ausstrahlt, konfrontiert. Jetzt: Man hält den Atem an und hört fast nichts.  Im gebotenen und verordneten Sicherheitsabstand spazierte ich durch ein paar Gassen und Straßen, aber die Freude bzw. den flow, den ich sonst beim bewußten Fotografieren erleben kann, empfand ich heute nicht. 

Das was man nicht haben kann, begehrt man oft oder was man hatte und nicht mehr hat, vermisst man in vielen Fällen stark. Wie oft habe ich mir eine ruhige Innenstadt gewünscht, kein hoher Lautstärkepegel, der einen umgibt, keine Drängen in den engen Bereichen der Fußgängerzone, wo es manche immer eiliger haben als andere. Freie Plätze in den Cafes, in den Gastgärten oder in den Restaurants zu Mittag, um schnell ein Menü zu essen,  wenn man kurz die Arbeit unterbricht. Offene Geschäfte, die einen einladen und wo man alles kaufen kann, was man benötigt und das fast jederzeit. Über viele Jahre Selbstverständliches und Gewohntes, das plötzlich wieder an Wert gewinnt, weil man es augenblicklich nicht hat. 

Viele von uns haben in den letzten Wochen neue Erfahrungen machen dürfen, mit denen wir so nicht gerechnet haben. Passagen aus dem Text vom Zukunftsforscher und Publizisten Matthias Horx sind in den letzten drei Wochen seit seinem Erscheinen schon oft zitiert worden. “Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert” schreibt Horx ganz am Anfang seines Textes. Ich bin mir sicher, dass ich wenigen nun etwas Neues damit mitteile, den a) erleben wir gerade so einen historischen Moment und b) ist der Text von Matthias Horx sicher schon vielen bekannt. Anbei der Link zu dieser positiven Vision, die von der Zukunft nach "Corona" handelt, für alle diejenigen, die den Text noch nicht kennen und sich daür interessieren: "Die Welt nach Corona" 

Alle Fotografie-Begeisterten bekamen in den letzten Wochen die Möglichkeit ihre Kreativität unter dem Motto #stay@home auszuleben und viele Ideen sind entstanden, die sonst wahrscheinlich nicht gekommen oder umgesetzt worden wären. Nur die  “Streetphotographie”, die durch die Leere in den Straßen eigentlich neue Möglichkeiten bekommen hat, ist für mich kein positiver Aspekt der Krise, wenn man in fotografischer Hinsicht welche finden möchte. Mir fehlen die Menschen auf den Straßen, auch wenn auf meinen Bildern meist immer nur wenige zu sehen sind, aber gerade das macht die Bildgestaltung für mich herausfordernd... .

 

Aus heutiger Sicht werden in Österreich die sehr strengen und notwendigen Maßnahmen, um das Virus einzudämmen, nach Ostern ein wenig gelockert. Hoffen wir, dass alle weiter so vernünftig bleiben, um Corona hierzulande das Garaus zu machen. 

 

Bleiben Sie, Bleibt Ihr, liebe Leserinnen und Leser gesund und genießen Sie in dieser besonderen Zeit, die uns viel abverlangt, um gesund zu bleiben, trotzdem dieses Osterfest. Wir werden uns sicher lange daran erinnern. 

 

Ihr

Bernd Grosseck

 

P.S.. Die Bilder, die diesen Text begleiten, stammen alle aus meinem aktuellen Fotoprojekt: “Graz is it? It is! Urban still life, urban street life”. Die Fotos sind (bis auf das Titelbild) vor dem Ausbruch COVID-19 in der Grazer Innenstadt entstanden. 

Bilder aus meiner Serie "minimal scenery" gibt es über Photocircle zu kaufen.

Kuratierte Kunst für eine bessere Welt, denn für jeden Kunstdruck, der gekauft wird, pflanzt Photocircle Bäume in Äthiopien. Ziel ist es, 200.000 neue Bäume bis Ende 2020 gepflanzt zu haben.  


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Kommentare: 1
  • #1

    Wilhelm Heim (Samstag, 11 April 2020 07:52)

    Ein toller Bericht, ein gut geschriebener ernster Text. Ich teile leider die positive Aussicht auf das Morgen nicht. Dafür ist die Gesellschaft zu subjektzentriert.
    Wir leben eher ländlich, bei uns ist auf dem Radweg vor unserem Haus seit Wochen die Hölle los, man kann dort kaum mit den Hunden eine Runde machen.