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Graz is it? It is! Urban still life, urban street life

Stainzergasse in der Grazer Innenstadt ("Kälbernes Viertel")
Stainzergasse in der Grazer Innenstadt ("Kälbernes Viertel")

In der Heimatstadt neue Seiten zu entdecken ist nicht ganz einfach. Besonders, wenn man schon knapp über 50 Jahre in der Stadt zugebracht hat, dort zur Schule gegangen ist, arbeitet und lebt. Man lernte sich in einem halben Jahrhundert schon gut kennen. Meist beginnt die intensivere Auseinandersetzung mit der eigenen Stadt in der dritten Klasse Volksschule (D: Grundschule). Da erfährt man die Geschichte der Heimatstadt, lernt die wichtigsten Sehenswürdigkeiten kennen, durchstreift mit den Klassenkameraden die geschichtsträchtigsten Plätze und folgt den Ausführungen der Lehrer natürlich mit großer Aufmerksamkeit :-). Fotografisch habe ich mich zum ersten Mal mit Graz in der Maturaklasse (D: Abiturklasse) auseinandergesetzt;  gab es da doch ein Fotoprojekt im Rahmen der “Bildnernischen Erziehung”, das hieß die “Tore von Graz”. Da suchten wir nach interessanten Eingängen, Türen etc… und flanierten mit unseren Kameras durch die Innenstadt (und Cafes…).

Priesterseminar (Innenhof) Bürgergasse
Priesterseminar (Innenhof) Bürgergasse

Aufgrund meines Lebensmittelpunktes stand Graz (weil eben täglich verfügbar) viele Jahre nicht auf meiner Liste der Hotspots, die ich zu fotografieren beabsichtigte. In den letzten zwei Jahren allerdings drängte sich der Gedanke, in der Heimatstadt Bilder zu machen, sukzessive in den Vordergrund meiner Überlegungen zu aktuellen fotografischen Aktivitäten. Einerseits bedingt durch knappere Zeitressourcen, die längere Fotoausflüge dzt. nur schwer zulassen, andererseits würde es gut zu den Themen “slow travelling” und “slow photography” passen, die mich in und mit meiner Art der Fotografie schon länger begleiten. So versuche ich immer wieder gerne neue Seiten in bekanntem Umfeld zu finden, wenn ich mit meiner Kamera in näherer Umgebung zu Streifzügen aufbreche. Für meine Fototouren durch Graz war es aber nicht mein Ziel die klassischen Sehenswürdigkeiten abzulichten oder nur Streetphotos zu machen, sondern eine persönliche Sichtweise auf diese Stadt zu entwickeln. 

Blick auf das Grazer Kunsthaus
Blick auf das Grazer Kunsthaus

Inspiriert zu “meinem” Graz-Fotoprojekt haben mich einige der großen amerikanischen Fotografen, wie ein Robert Frank,  ein William Eggleston oder Fred Herzog und noch viele mehr, deren Portfolios ich immer wieder gerne betrachte oder auch Berichte bzw. Interviews mit Ihnen bzw. über sie lese. Immer wieder durchstöbere ich auch die Homepage der Fotoagentur “Magnum”, um von den dort vertretenen großartigen Fotografen zu lernen, insbesondere ihre Sichtweise und Herangehensweise an Fotoprojekte. Zuletzt konnte ich die Ausstellung vom Magnummitglied und bekannten amerikanischen Fotografen Alex Soth im Kunsthaus Wien besuchen, die einen breiten Querschnitt über sein Werk bot. Der Titel und die Idee des über dreißigjährigen Fotoprojektes von Robert Adams; “The place we live” gefiel mir auch sehr und so langsam bekam das längere Zeit noch sehr unscharfe Bild meines Graz-Fotoprojektes Konturen. Die ersten Touren durch die Stadt brachten aber noch nicht das hervor, was ich finden wollte. Ich wollte ein vielfältiges Bild über die Stadt gestalten; an vielen der Fotos sollte man schon erkennen können, dass sie hier aufgenommen worden sind. Manch Typisches für Graz sollte erkennbar sein, das den Charakter der Stadt ein wenig widergespiegelt. Ich wollte Bilder machen, die Ausschnitte zeigen, die Bekanntes erkennen lassen, Bilder, die das breite Spektrum der Stadt darstellen und Bilder, die meiner Art der Komposition entsprechen, wo das Einfache im Vordergrund steht, das Mehr im Weniger. 

Am Vorplatz Mausoleum / Dom
Am Vorplatz Mausoleum / Dom

Ich entschied mich für eine Umsetzung in Schwarz-Weiß, weil es meine Idee für dieses fotografische Projekt besser unterstützt. Bis dato sind es nur ganz wenige Bilder, die ich gemacht habe, die meines Erachtens in Farbe eine bessere Wirkung erzielen würden. Vielleicht sind es deswegen auch nur wenige, weil ich bereits im Monochrome-Modus der Kamera die Bilder aufnehme und somit bewußt nach S/W-Gesichtspunkten gestalte. So langsam bekam das “big picture” meines “urban still life und urban street life Projektes” dann in meinem Kopf die Details, die mir für die Umsetzung noch fehlten und so entstand dann mein persönliches Porträt von bzw. über Graz: “Graz is it? It is!” 

Häuserdetail in der Burggasse
Häuserdetail in der Burggasse

Ich nahm mir und nehme mir (das Projekt ist noch im Laufen) sukzessive Straßenzüge vor, die ich zu Fuß durchstreife, auf der Suche nach Motiven, die  meiner Idee, wie ich die Stadt fotografieren möchte, entsprechen. Es war und ist für mich immer wieder überraschend, was man alles entdecken kann, wenn man durch Gassen, Straßen oder über Plätze geht, die man seit vielen Jahren kennt, sei es weil man auf kurzen Wege etwas zu erledigen hat oder mit dem Auto hindurchfährt. Bewußtes Sehen, bewußtes Suchen nach interessanten Ausschnitten, Blickwinkel oder Perspektiven machen das Fotografieren im vermeintlich Bekannten spannend und auch herausfordernd. Mein Ziel ist es nicht ausschließlich die schönsten Ecken meiner Heimatstadt dekorativ darzustellen, sondern einen Mix aus Motiven nach folgenden Gesichtspunkten zu finden: 

  • Bilder zu machen, die meiner Art einer DSGVOgerechten Streetphotography entsprechen, die immer eher eine minimalistische Bildgestaltung als Grundlage haben.
  • Ausschnitte abzulichten, die typisch für Graz sind.
  • Urbane Stillleben zu fotografieren, wo auch die eine oder andere Banalität vielleicht im Vordergrund steht.

 

Hof des Landhauses in der Nacht
Hof des Landhauses in der Nacht

Graz hat eine wunderbar erhaltene Altstadt, die zum elitären Kreis von rd. 900 Weltkulturerbestätten zählt. Graz war 2003  Europas Kulturhauptstadt, ist Unesco City of Design und bietet aufgrund ihrer langen Geschichte und dem manchmal auch vorhandenen Mut moderne und architektonisch interessante Gebäude zu schaffen, zahlreiche Highlights. Graz wächst von der Bevölkerungszahl in den letzten Jahren, beherbergt durch ihre Universitäten viele Studenten und ist somit eine sehr lebendige Stadt. Auf Graz traf viele Jahre das Zitat zu: “Graz ist eine große Kleinstadt, aber auch eine kleine Großstadt”. Ich tue mir aufgrund der mittlerweile vorhandenen Vielfalt, die wir in Graz haben, schwer meine Stadt diesbezüglich einzuordnen. Meine fotografische Reise durch die Stadt soll einerseits eine große, kulturhistorisch interessante Kleinstadt und andererseits auch das moderne, zeitgemäße Graz mit großstädtischem Flair widerspiegeln. 

Kontrast zwischen einem Bürgerhaus und dem neuen "Argos" by Zaha Hadid
Kontrast zwischen einem Bürgerhaus und dem neuen "Argos" by Zaha Hadid

Begleitend zu diesem Artikel habe ich einige meiner Bilder aus diesem Fotoprojekt herausgesucht. Auf der Portfolioseite findet sich bereits ein Querschnitt von Bildern, die im Rahmen dieses Projektes entstanden sind. In nächster Zeit sind Blogbeiträge geplant, in den ich einige der “Straßen bzw. Plätze von Graz” mit den darin gefundenen Motiven gerne vorstellen möchte. Es würde mich natürlich sehr freuen, wenn meine Leserinnen und Leser mich auch hier begleiten! 

Pomeranzengasse
Pomeranzengasse

Bilder aus meiner Serie "minimal scenery" gibt es über Photocircle zu kaufen.

 

Kuratierte Kunst für eine bessere Welt, denn für jeden Kunstdruck, der gekauft wird, pflanzt Photocircle Bäume in Äthiopien. Ziel ist es, 200.000 neue Bäume bis Ende 2020 gepflanzt zu haben.  


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Kommentare: 3
  • #1

    Hans-Peter Wiechers (Sonntag, 22 März 2020 11:59)

    Starke Bilder, überzeugender Text, gute Gedanken. Ich werde sicher hier wieder reinschauen. Habe mir jetzt schon ein paar Ideen geklaut. Danke dafür.

  • #2

    Bernhard (Sonntag, 29 März 2020 17:42)

    Hallo Hans-Peter,

    das Introbild gefällt mir von allen schönen Bildern am Besten.

    Pass auf Dich auf und bleibe gesund.

    LG Bernhard

  • #3

    Bernd (Sonntag, 29 März 2020 18:07)

    Danke für Euer feedback. Ich freue mich immer sehr, wenn Beiträge und Bilder Inspiration für eigene Ideen und deren Umsetzung geben können.

    Das Introbild war auch mein Favorit und ist deshalb zum Titelbild geworden.